Redebeitrag „Deutsche Opfermythen und Schuldabwehrkomplex“

Der folgende Redebeitrag wurde von uns im Rahmen der Demonstration „Nicht aus heiterem Himmel!“ am 23.06.2013 in Mülheim/Ruhr gehalten.

„Vor knapp 70 Jahren wurde Deutschland von den Alliierten militärisch niedergeworfen und die deutsche Schreckensherrschaft über Europa nahm ein Ende. Umso erschreckender aber nicht unbedingt erstaunlicher ist es, dass sich seitdem in der Aufarbeitungspolitik nicht viel getan hat. Zwar wird regelmäßig von staatlicher und zivilgesellschaftlicher Seite beteuert, dass mensch an einer umfassenden und vollständigen Aufarbeitung der deutschen Verbrechen interessiert sei, aber allein die Tatsache dass wir heute hier stehen müssen, zeigt, dass dem nicht so ist.

Die Stadt Mülheim und die WAZ beweisen, dass geschichtsrevisionistische Denkmuster nicht nur in der extremen Rechten verbreitet sind, sondern eben auch in der sogenannten „bürgerlichen Mitte“ eine Massenbasis finden. Erst Anfang Mai hat der sächsische CDU-Stadtverband Coswig eine Pressemitteilung unter dem Titel „8. Mai 1945 – Kein Tag der Befreiung!“ veröffentlicht, deren Inhalt keine neonazistische Kameradschaft besser hätte ausdrücken können.

Besonderer Beliebtheit erfreut sich vor allem das Schema der Täter_innen-Opfer-Verdrehung: Mit Verweis darauf, dass auch Andere Täter_innen waren bzw. die Opfer nicht gänzlich unschuldig zu Opfern geworden seien, wird der Versuch der Selbstimmunisierung gegenüber Schuldzuweisungen und der Selbststilisierung als Opfer unternommen. Durch die Betonung der zweifellos stattgefundenen Vergehen der Anderen, die Konstruktion einer Mitschuld der Opfer an ihrem Schicksal und eines kollektiven von-nichts-gewusst-haben-wollens sollen die eigenen Verbrechen relativiert werden. So sind Konstrukte wie die vergleichende Aufrechnung von Opferzahlen aus Konzentrationslagern und sowjetischen Gulags, das Gedenken um den selbsternannten „Bomben-Holocaust“ in Dresden 1945 oder auch unverschämte Suggestivfragen wie die, warum die Jüdinnen und Juden Deutschland nicht rechtzeitig verlassen oder sich wenigstens gewehrt hätten im gesellschaftlichen Diskurs gängig und populär.

Der Ursprung dieser Verhaltensmuster ist in der gesellschaftlichen Struktur selbst zu suchen. In einer warenförmigen Gesellschaft die dem Tauschprinzip unterliegt, muss sich das Individuum als Warenmonade positiv auf eine imaginierte soziale Gemeinschaft der Nation beziehen, indem ihm die eigene Nützlichkeit für den gesellschaftlichen und ökonomischen Produktions- und Reproduktionsprozess bestätigt wird. Das Moment positiver Vergesellschaftung über die Nation vollzieht sich demnach einerseits durch ökonomische Leistungsfähigkeit der Eigengruppe und andererseits durch den Gegenentwurf einer vermeintlich unproduktiven Fremdgruppe. Im Zuge der Konstruktion der deutschen Nation wurde das Judentum als ebendieser Konterpart eingesetzt.

Somit steht das Individuum im post-nazistischen Deutschland vor einem Dilemma: Einerseits erfordert der kapitalistische Vergesellschaftungsmechanismus einen positiven Bezug auf die Nation, andererseits wird dieser durch die Erinnerung an Verbrechen die in der Vergangenheit von eben dieser Nation ausgingen, systematisch verhindert. Erschwerend kommt hinzu, dass sich nicht einmal darauf berufen werden kann, den Schrecken aus eigener Initiative überwunden zu haben, sondern dass dieser erst durch die militärische Intervention der Alliierten gestoppt wurde, womit die letzte Möglichkeit einer positiven Identifikation wegbricht. Mit Freud lässt sich an dieser Stelle eine Neurose im Kollektivbewusstsein der „deutschen Nation“ konstatieren, eine Verhaltensstörung ausgelöst durch einen Konflikt, welche sich durch die Gesellschaft ins Individuum vermittelt.

In dieser Neurose liegt also der Schuldabwehrkomplex der deutschen Mehrheitsgesellschaft begründet. Um den erwähnten notwendigen positiven Bezug auf die eigene Nation uneingeschränkt zu gewährleisten, mussten Verhaltensmuster entwickelt werden, die den Konflikt, aus dem die Neurose resultierte, aufheben. Als erfolgreich erwies sich der Taschenspielertrick, mit der Gründung der BRD und der DDR in neuen Grenzen einen vollständigen Bruch mit dem Nazi-Regime zu proklamieren. Folglich kannte die Deutschtümelei keine Grenzen als mit der sogenannten „Wiedervereinigung“ eine der beiden sichtbaren Konsequenzen von Auschwitz beseitigt wurde. Endlich sei die deutsche Nation in ihrer Gänze „wieder vereint“ und es könne mit Blick auf eine schwarz-rot-goldene Zukunft die schwarz-weiß-rote Vergangenheit hinter sich gelassen werden.

Den zweiten manifesten Stachel im einheitsdeutschen Fleisch stellt der Staat Israel dar, der als Reaktion auf die deutsche Barbarei gegründet wurde und somit in seiner Existenz unmittelbar auf diese verweist. Der neurotische Reflex hierauf ist ein sekundärer Antisemitismus, also ein Antisemitismus nicht trotz sondern gerade wegen Auschwitz, dessen spezifischen Charakter der Psychoanalytiker Zvi Rex treffend zusammenfasst, wenn er sagt, dass „die Deutschen […] den Juden Auschwitz nie verzeihen [werden].“ Dies drückt sich u.a. in einer pathisch-projektiven Israelkritik aus, aber auch in den unterschiedlichsten Shoa-Relativierungen oder der Unterstellung dass die Jüdinnen und Juden ihre vermeintliche Opferposition ausnutzen würden.

Da Erinnerungs- und Schuldabwehr Hand in Hand mit dem Fortbestehen faschistischer Tendenzen in der Gesellschaft geht, ist es daher umso wichtiger die Schatten der Vergangenheit umfassend in dem Sinne aufzuarbeiten, dass die Verhältnisse, die die deutsche Barbarei hervorgebracht haben, überwunden werden. Dies muss notwendigerweise mit einer kritischen Selbstreflektion des Individuums auf seine eigene Rolle in diesem Prozess und als Konsequenz daraus mit der Einrichtung einer befreiten Gesellschaft einhergehen. Solange dies nicht der Fall ist bleibt, um mit Adorno zu enden, „ein Deutscher […] ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben“.“

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