Postnazismus und Kontinuität deutscher Zustände

Am 08.05.2013 beteiligten wir uns unter dem Aufruf „Wir wein­ten vor Freu­de (…), die Al­li­ier­ten sind nicht mehr weit!“ in Oberhausen an einer Demonstration zum Jahrestag der Befreiung von der deutschen Barbarei mit folgendem Redebeitrag:

Wenn mensch auf der Straße fragt, was sich in Deutschland wohl mit dem 8. Mai 1945 verändert haben mag, so wird von den meisten Menschen die Antwort zu hören sein, dass mit dem militärischen Niederwurf des Nationalsozialismus als politischem System ebenfalls jegliche nationalsozialistische Ideologie aus den Köpfen der Menschen verschwunden ist. Meist verbunden mit dieser Aussage ist die Ansicht, dass die nationalsozialistische Terrorherrschaft bloß die Diktatur Adolf Hitlers und einer kleinen Elite an Nazis gewesen wäre, wohingegen der Großteil der deutschen Bevölkerung als unschuldiges Opfer der Nazis zu betrachten sei.

Dies ist jedoch keineswegs der Fall: Der historische deutsche Faschismus entsprang der Mitte der Gesellschaft und fand dort den nötigen Rückhalt um sich als Herrschaftssystem längerfristig an der Macht zu halten. Er sprach die unmittelbaren Sorgen und Bedürfnisse der Menschen nach Sicherheit und Zusammenhalt in Krisenzeiten an. Und obwohl antisemitische und faschistische Bewegungen in nahezu allen westlichen Industrienationen entstanden, ist es ebenso wenig ein Zufall, dass der Nationalsozialismus ausgerechnet in Deutschland zu solch politischer Macht und vor allem zu solch erschreckenden Ausmaß gelang. Er ist das Resultat eines Sonderweges, den die „deutsche Gesellschaft“ in ihrer Entwicklung seit der Reformation beschritt: Am Anfang stand eine technologische und soziale Unterentwicklung, in der Mitte ein aggressiver völkisch-germanischer Nationalismus, der genau diese Unterentwicklung als Naturbelassenheit romantisierte, und am Ende der deutsche Vernichtungsantisemitismus und das damit verbundene Menschheitsverbrechen, die Shoa.

Als am 8. Mai 1945 das selbsternannte „Dritte Reich“ vor der militärischen Übermacht der Alliierten kapitulierte und 1949 die Bundesrepublik Deutschland bzw. die Deutsche Demokratische Republik gegründet wurden, war das Thema Nationalsozialismus für den Großteil der deutschen Gesellschaft bereits gegessen. Groß wurde verkündet, dass so etwas hier nie wieder passieren könne, da mensch nun in einer vollkommen anderen Gesellschaft lebe und deswegen kann dieses Kapitel getrost als abgeschlossen betrachtet werden.

Wir als emanzipatorische Antifaschist_innen sehen das etwas anders: Weder wurde der deutsche Sonderweg verlassen noch wurden die gesellschaftlichen Verhältnisse aus denen der Nationalsozialismus unmittelbar entsprang, namentlich der Kapitalismus, überwunden. Es wurde bloß die nationalsozialistische durch die demokratische politische Herrschaftsform ausgetauscht. Antisemitische, rassistische und völkisch-nationalistische Denkmuster sind in allen Teilen der deutschen Gesellschaft immer noch fest verankert. Dieser Zustand des Weiterlebens faschistischer Tendenzen in der Demokratie lässt sich als Postnazismus bezeichnen und wird von dem Philosophen Theodor W. Adorno als wesentlich gefährlicher eingeschätzt als das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie.
So ist es wenig verwunderlich, dass in Zeiten der ökonomischen Krise große Teile der Gesellschaft für die einfachen aber verkürzten Erklärungen und Lösungen von neonazistischer Propaganda empfänglich werden und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in allen Gesellschaftsschichten zu finden ist. Dies entlädt sich regelmäßig in gewalttätigen Übergriffen gegen Menschengruppen, die für das eigene Leid und die Krise verantwortlich gemacht werden: People of Color, Sinti und Roma, Jüdinnen und Juden, aber auch Homosexuelle, alternative Jugendliche und alle anderen Menschen die nicht diesem menschenverachtenden Weltbild entsprechen.

Die Liste an Vorfällen ist lang und reicht von den Brandanschlägen in Rostock-Lichtenhagen, Solingen und vielen anderen Städten Anfang der 90er, über die Mordserie des NSU und unzähligen anderen Übergriffen bis zum 24. November 2012 als 5 Konzertbesucher_innen am Oberhausener Hauptbahnhof von einer Gruppe Neonazis krankenhausreif geprügelt wurden. Im medialen Diskurs werden solche Vorkommnisse meist als bedauerliche Einzelfälle von Versager_innen am Rande der Gesellschaft dargestellt. Es handelt sich jedoch keineswegs um für sich stehende Einzelfälle, sie stehen in einer langen Kontinuität postnazistischer Krisenbewältigung. Dass Menschen im 21. Jahrhundert wegen ihrer Hautfarbe, Religionszugehörigkeit oder sonstiger Merkmale Opfer von menschenverachtender Gewalt werden ist grade kein Überbleibsel der Vergangenheit in einer ansonsten funktionierenden Gesellschaft und ebenso wenig handelt es sich um individuelles Versagen in der Leistungsgesellschaft. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist ein Produkt der herrschenden gesellschaftlichen Zustände und wird als solche durch die Gesellschaftsstrukturen systematisch hervorgebracht.

Deswegen gilt es heute mehr denn je, nicht bloß die Ausprägungen menschenverachtender Ideologien zu beseitigen, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse zu überwinden, die solche Ideologien erst hervorzubringen vermögen. Es ist an uns, sämtliche Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verächtliches, ein verlassenes Wesen ist, zugunsten einer befreiten Gesellschaft, in der das Unterschiedene friedlich in gegenseitiger Anteilnahme ohne Herrschaft miteinander existieren kann. Dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe!

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