Redebeitrag über das Verhältnis von Antiimperialismus zu Antisemitismus

Am 18.07.2014 unterstützten wir als mitaufrufende Gruppe in Essen die Kundgebung „Gegen Antizionismus und Terror“ vom Duisburger Bündnis gegen Antisemitismus. Unter antisemitischen Sprechchören und einem Hagel an Wurfgeschossen, ausgehend von Teilnehmenden der Pro-Gaza-Kundgebung, die mittlerweile zu unserer Kundgebung durchgebrochen waren, hielten wir thematisch passend zu der akuten Bedrohungssituation folgende Rede zum Verhältnis von Antiimperialismus und Antisemitismus:

„Am heutigen Tage versammeln sich auf dem Weber-Platz am anderen Ende der Innenstadt völkische Befreiungsnationalist_innen jeglicher Couleur, um auf Einladung der Linksjugend [’solid] Ruhr den antisemitisch motivierten Krieg der Hamas gegen Israel zu bejubeln. Dass sich auch heute wieder linke Nationalbolschewist_innen, deutschtümelnde Volksfreund_innen der Rechten und islamistische Gotteskrieger_innen zu einer trüben Melange des antiimperialistischen Hasses zusammenschließen, ist allerdings keineswegs eine merkwürdige Kuriosität, sondern die Konsequenz von beträchtlichen ideologischen Gemeinsamkeiten dieser politischen Strömungen.

Bei allen bestehenden akzentuellen Differenzen, eint diese Spektren als erstes ein positiver Rekurs auf den Volks-Begriff. Ob in der Form des „Sozialismus in einem Land“, der deutschen Volksgemeinschaft oder des klerikal-faschistischen Umma-Sozialismus, ihnen allen wohnt die Idee eines metaphysischen Seins inne, welches mehr sein soll, als das vereinzelte Individuum. Vielmehr soll selbiges durch repressive Zwangskollektivierung mittels Kategorien wie „Tradition“ und „Kultur“ auf das bloße Gattungsexemplar seines Volkskollektivs reduziert werden und als besonderer Repräsentant des allgemeinen Ganzen herhalten. Dass diese Vorstellung vom sogenannten „Volk“ emanzipatorischen Ideen einer befreiten Gesellschaft, in der das Individuum ohne Angst verschieden sein kann, diametral gegenüber steht, ergibt sich aus diesem Kontext von selbst.

Damit einher geht eine manichäistische Vorstellung vom Kapitalismus: Einmal gibt es den „guten“ Kapitalismus, der mit konkreter und produktiver Arbeit des/der einfachen Bürger_in assoziiert wird. Dem gegenüber steht der „böse“ Kapitalismus der globalen Unternehmen und besonders des Finanzkapitals, welcher oftmals als Personalisierung abstrakter, unverstandener Momente des Kapitalverhältnisses herhalten muss. Diesem Weltbild zufolge existiert also eine hart schuftende, unterdrückte Bevölkerung, welche von den raffenden Ausbeuter_innen der Zirkulationssphäre, also Manager_innen, Börsenspekulant_innen, Banker_innen usw. schamlos und zum Zwecke des eigenen Profits ausgebeutet wird. Dass die allgemeine antiimperialistische Bauchgefühls-Solidarität intuitiv diesen unterdrückten Subalternen gilt, sollte beim Blick in die Kommentarspalten sämtlicher Online-Medien oder beim Besuch eines beliebigen Kneipenstammtischs schnell ersichtlich werden.

Dieses simplifizierende Gut-Böse-Schema ist nicht nur grundsätzlich verkehrt, sondern auch strukturell antisemitisch. Im Alltagsbewusstsein spaltet das Subjekt die unverstandenen gesellschaftlichen Momente und Dynamiken dieser Welt ab und projiziert sie auf einzelne soziale Gruppen. Historisch betrachtet war diese Gruppe die der Jüdinnen und Juden, die als abstrakt, wurzellos und kosmopolitisch stigmatisiert wurde, damit sich das Subjekt als erdverwachsen, organisch und produktiv wahrnehmen konnte. Jüdinnen und Juden wurden seit jeher für alles Übel dieser Welt verantwortlich gemacht und dienten als Sündenbock für sämtliche Katastrophen, von der mittelalterlichen Pest bis zu den Finanzkrisen der Neuzeit.

Dieser einfache Dualismus, nach dem die Welt in „gut“ und „böse“ aufgeteilt wird, setzt sich auch auf Staaten-Ebene fort. Dabei firmiert Israel gemeinhin als der Jude unter den Staaten. Israel dient als allgemeine Projektionsfläche für sämtliche gesellschaftliche Probleme in der Region des Nahen und Mittleren Ostens. Es verwundert an dieser Stelle nicht, dass die Solidarität der Antiimperialist_innen linker, sowie rechter und islamistischer Provenienz gemeinhin den sogenannten „Befreiungsbewegungen“, insbesondere der palästinensischen gilt. Hierzu werden offen antisemitische Erklärungsmuster herangezogen, wie jenes, das Israel als traditionsloses, zionistisches Staatenkonstrukt diffamiert und die demokratischen Rechte und Freiheiten, die die Bürger Israels als einzige in der Region genießen, in die bewusste Auflösung sämtlicher kultureller Bindungen umdeutet. Demgegenüber wird der palästinensische Befreiungsnationalismus als revolutionär-antikolonialistische Bewegung zur Wiederherstellung tradierter Gesellschaften und der Zerschlagung des Jochs der abstrakten Herrschaft verklärt. Israel als die einzige bürgerliche Demokratie im Nahen Osten wird im antiimperialistischen Wahn als Brückenkopf des westlichen Imperialismus dargestellt, der die vermeintlich freien islamischen Gesellschaften zu unterwerfen trachtet.

Somit ist es ebenfalls wenig verwunderlich, dass sich terroristische Gruppierungen wie die Hamas, deren erklärtes Ziel die Vernichtung Israels und der Jüdinnen und Juden ist, sich der antiimperialistischen Solidarität über sämtliche Szene-Grenzen hinweg sicher sein kann. Was als angeblich legitimer Widerstand eines unterdrückten Volkes imaginiert wird, ist in Wahrheit allerdings ein antisemitischer Vernichtungskrieg, an dessen Ende keinesfalls eine demokratische Gesellschaft mit ihren bürgerlichen Freiheiten und Einschränkungen stehen soll, sondern der auf die negative Aufhebung eben dieser israelischen Demokratie, zugunsten eines rückwärtsgewandten islamistischen Kalifats unter der Scharia abzielt. An diesem Punkt der internationalen Völkersolidarität treffen sich nun die linken Antiimperialisten mit den rechten Nationalsozialisten und islamistischen Jihadist_innen wieder, um gemeinsam die Antisemitische Internationale gegen Israel zu formieren.

Also, liebe Linksjugend [’solid] Ruhr und Konsorten: Falls heute auf Eurer Kundgebung Nazis auftauchen sollten, wie in Dortmund oder Frankfurt, falls die Synagoge angegriffen wird, wie in Paris, Gelsenkirchen oder bereits letztes Wochenende in Essen, oder wenn antisemitische Parolen wie „Kindermörder Israel“ und „Hamas, Hamas – Juden ins Gas“ skandiert werden, wundert euch nicht. Anstatt rum zu jammern, dass solche Gruppen eure Veranstaltungen angeblich für ihre Zwecke „instrumentalisieren“ würden und euch halbgar von ihnen zu distanzieren versucht, solltet Ihr Euch lieber die Frage stellen, ob hier nicht schlicht und ergreifend zusammenwächst, was zusammen gehört. Liebe Linksjugend [’solid] Ruhr – und hier möchten wir auf den sonst üblichen Gebrauch des Begriffs „Genoss_innen“ explizit verzichten – solange Ihr und Eure Volksfreund_innen im Geiste, von der Antiimperialistischen Aktion bis zum Nationalen Widerstand, es nötig habt, Euch auf Kundgebungen mit den Terrorist_innen der Hamas zu solidarisieren und Eurem Vernichtungswunsch gegenüber dem israelischen Staat Ausdruck zu verleihen, solange werden wir als an einer befreiten Gesellschaft interessierte Antifaschist_innen uns Euch in Theorie und Praxis bewusst entgegenstellen und unsere Solidarität mit Israel hochalten!“

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