Von „antizionistischen“ Linken und stalinistischen Antisemit_innen – Young Struggle ruft zur Intifada und fordert „Tod dem Zionismus!“

Seit einigen Wochen bereits zieht die neudeutsche Volksfront aus antiimperialistischen Linken und Rechten, sowie verschiedenen islamischen und arabischen Gruppierungen marodierend durch die Straßen der Bundesrepublik und lässt ihrem wiedererwachten Antisemitismus freien Lauf. Während Dieter Graumann, der Präsident des Zentralrats der Juden, in einem in der Jüdischen Allgemeinen publizierten offenen Brief von einer „schockierenden Explosion von Antisemitismus in diesem Land“ spricht und daraufhin der sogenannte „Antisemitismusforscher“ Wolfgang Benz – prinzipiell nie um ein den Antisemitismus relativierendes Wörtchen verlegen – in die Bresche springt und in den antiisraelischen Protesten „keine neue Qualität“ des Antisemitismus erkennen möchte, passierte in Duisburg bisher erstaunlicherweise relativ wenig.

bild 1Zwar beteiligten sich israel-solidarische Gruppen aus Duisburg an den Gegenprotesten zu den antisemitischen Aufmärschen in der Umgebung, so bspw. am 18.07.2014 in Essen, in Duisburg selbst passierte, zumindest öffentlichkeitswirksam, allerdings bisher nichts erwähnenswertes. Wahrscheinlich aus genau diesem Grund, und um im antisemitischen Fahrwasser der letzten Wochen mitzuschwimmen, kündigten die Junior-Stalinist_innen des antiimperialistischen Rackets „Young Struggle“ für den 29.07.2014 eine Kundgebung unter dem Motto „Freiheit für Palästina!“ in der Duisburger Innenstadt an. In dem dazugehörigen Facebook-Event wurde die Veranstaltung mit der Parole „Für die Freiheit des Palästinensischen Volkes gemeinsam auf die Straße. Tod dem Zionismus!“ beworben, was die tendenzielle Stoßrichtung deutlich desavouiert: die Nachwuchs-Mujaheddin versuchen erst gar nicht, ihren ordinären Antizionismus/Antisemitismus unter dem sonst üblichen Deckmantel einer „legitimen Israel-Kritik“ (die es so gar nicht geben kann) zu camouflieren, sondern fordern offen heraus die gewaltsame Vernichtung des Staates Israel zugunsten eines volksgemeinschaftlichen Palästinas. Dass der politische Gehalt der Parole „Tod dem Zionismus“ nicht nur semantisch an Alfred Rosenbergs Schrift „Der staatsfeindliche Zionismus“ angelehnt scheint und allgemein verurteilenswert ist, sondern vor dem Hintergrund eines versuchten Brandanschlages auf die Wuppertaler Synagoge in der Nacht zuvor einen bedenklichen programmatischen Aufruf zur Tat suggeriert, welcher der Bedeutung des Terminus „Tod“ eine gänzlich neue Brisanz verschafft, scheint die aufrufende Gruppe wenig zu stören. Kein Gedanke wurde daran verschwendet, dass die Synagoge im konkreten Fall als Projektionsfläche des gelebten Antizionismus fungiert, welcher ohnehin untrennbar mit dem Antisemitismus verknüpft ist.

It’s antisemitism, stupid!

Zur Kundgebung in der Innenstadt fanden sich am späten Nachmittag letztendlich rund 15 Teilnehmer_innen von „Young Struggle“ und artverwandten Gruppen des gleichen Spektrums wie der „Roten Antifa“ und „United Squad“ zusammen. Die Außenwirkung der eigentlichen Kundgebung war dank einer schlechten Sound-Anlage und eines mit wenig Charisma ausgestatteten Moderators recht marginal. Einzig einige Flyer mit fragwürdigem („Der Tod der drei Israelis wurde hier als ein hinterhältiger Vorwand benutzt, um Gaza weiter einzunehmen und die Besatzungspolitik Israels weiter voran zu treiben“) bis schwer bedenklichem Inhalt („Anstatt die Mörder der drei Jugendlichen aufzufinden und zu bestraft Israel ein gesamtes Volk kollektiv […]“, Rechtschreibfehler im Original) konnten an das shoppende Laufpublikum verteilt werden. Einem Bericht der WAZ zufolge wird jedoch gegen eine Teilnehmerin wegen des Verdachts auf Volksverhetzung ermittelt: Sie posierte mit einem Schild mit dem bereits erwähnten Slogan „Tod dem Zionismus!“.

bild 2Interessanter wurde es allerdings, als die selbsternannten Palästina-Freund_innen nach beendeter Kundgebung sich auf den Weg zur in unmittelbarer Nähe stattfindenden israel-solidarischen Kundgebung machten. Dort fanden sich unter dem Motto „Kein Fußbreit dem Antisemitismus und Antizionismus!“ ca. 60 Teilnehmer_innen aus unterschiedlichen politischen Spektren, die meisten aus dem antifaschistischen, ein um gemeinsam die Pro-Palästina-Kundgebung nicht unwidersprochen hinzunehmen; Redebeiträge kamen u.a. von Michael Rubinstein, dem Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde in Duisburg. Kaum angekommen, versuchten die Teilnehmer_innen der Pro-Gaza-Kundgebung mit Parolen wie „Kindermörder Israel!“ und „Free Palestine!“ die Personen auf der israelsolidarischen Kundgebung zu provozieren. Einige umstehende Schaulustige ließen sich offenbar vom antiisraelischen Corpsgeist infizieren und kommentierten wahlweise mit gelegentlichen „Allahu Akbar“-Rufen (muslimische Jugendliche) oder dem Singen der Zeilen „In Buchenwald, in Buchenwald, da machen wir die Juden kalt“ aus dem Song „In Belsen“ der Neonazi-Band „Kommando Freißler“ (betrunkener Deutscher). Letzteres wurde trotz mehrfacher Hinweise auf den Straftatbestand der Volksverhetzung durch Singen Indizierten Liedgutes an die anwesende Polizei lediglich mit einem Kopfnicken und einer „Ermahnung“ abgetan.

Das antiimperialistische Feindbild steht links

Wer von den adoleszierenden Steinzeit-Kommunist_innen als der eigentliche Feind identifiziert wird, wurde abermals deutlich, als ein bekanntes Mitglied des „Nationalen Widerstand Duisburg“ an der Kundgebung auftauchte um Selbige fotografisch zu dokumentieren. Weder als durch die Teilnehmer_innen der Pro-Israel-Kundgebung auf die Anwesenheit der Neofaschistin lautstark aufmerksam gemacht wurde, noch als diese einen Fotografen körperlich bedrängte und im Nachgang dessen eine Anzeige wegen Körperverletzung gegen ihn stellte (wozu sie Augenzeug_innenberichten zufolge durch die Polizei gedrängt wurde), sahen sich „Young Struggle“ und Konsorten genötigt, ihre antisemitischen Pöbeleien zu unterbrechen und ihrem Selbstverständnis als „Antifaschist_innen“ Nachdruck zu verleihen. Vielleicht spielte aber auch eine gewisse Grundsympathie für die Volksfreund_innen des „Nationalen Widerstands“ eine Rolle, solidarisieren diese sich auf ihrem Twitter-Profil doch ebenfalls mit dem zum „palästinensischen Befreiungskampf“ verklärten Terror der Hamas. Ähnlich verhielt es sich mit dem gleichfalls anwesenden Ortsvorsitzenden von Pro NRW aus Duisburg, Mario Malonn, dessen Versuch einer Teilnahme an der israelsolidarischen Kundgebung von den Organisator_innen zwar frühzeitig unterbunden wurde, er jedoch im Verlauf nahezu ungestört durch die Reihen der Passant_innen außerhalb der unmittelbaren Kundgebung streifen konnte.

bild 3Als sich im Anschluss an die Kundgebung ein Großteil der Kundgebungsteilnehmer_innen Parolen skandierend durch die Innenstadt Richtung Hauptbahnhof bewegte, kam es aus dem antiimperialistischen Mob abermals zu Androhungen von Gewalt, welche teilweise auch direkt in die Tat umzusetzen versucht wurde; So wurde mehrfach u.a. mit Faustschlägen versucht, einem Genossen eine Israel-Fahne gewaltsam zu entreißen, Menschen wurden abgefilmt, geschubst und auf das Ärgste persönlich bedroht, bis es der Polizei nach langem Zögern endlich gelang, die Situation unter Kontrolle zu bringen und den Mob auf Abstand zu halten. Dass es bei diesem Übergriff nicht zu Schwerverletzten kam, ist allerdings mehr glücklichen Umständen als einem bedachten Eingreifen der Polizeikräfte zuzuschreiben.

Zwischen Realitätsverweigerung und Reality Shock

Als Fazit des Tages lässt sich resümieren, dass es so kam, wie es kommen musste. Die hiesigen Repräsentant_innen der Antisemitischen Internationalen entluden ihre angestauten Aggressionen im kollektivierten antiisraelischen Wahn und tragen auf diese Weise ihren Teil dazu bei, dass sich die gegen Israel gerichtete Stimmung weiter intensivieren wird. Antisemitismus als Weltanschauung war weder jemals aus der Gesellschaft verbannt, noch ein arabisches Importprodukt, wie es jüngst Nicolaus Fest, seines Zeichens stellvertretender Chefredakteur der BILD am Sonntag, in einem Kommentar in der BILD implizierte, sondern stellt als Basisideologie der bürgerlichen Gesellschaft ein integrales Moment kapitalistischer Wertvergesellschaftung dar. Im historischen Kontext der deutschen Spezifik bedeutete dies die Konstruktion der Nation gegen das Judentum, indem sich die Vergemeinschaftung zum deutschen Volk wesentlich über die Abgrenzung der Deutschen „vom Juden“ bestimmte und bestimmt. Dass diese deutsche Ideologie allerdings keinesfalls an Staatsgrenzen gebunden ist, sondern neben deutschen Waffen eines der hauptsächlichen Exportprodukte in den Nahen und Mittleren Osten darstellt, wird dabei häufig übersehen. Umso dringlicher erscheint daher die Aufgabe, Überschneidungen einer durch den Islam geprägten Alltagskultur als Weltdeutung und der Ideologie des Antisemitismus aufzuzeigen. Dass es hierbei nicht um die kulturrassistische Ablehnung einer vermeintlichen konstanten Essenz des islamischen Wesens gehen darf, sondern im streng materialistischen Sinne um das kritische Durchdringen des dynamischen und daher veränderlichen Zusammenhangs von gesellschaftlichen Lebensrealitäten und den daraus hervorgehenden Bewusstseinsformen, sollte selbstverständlich sein.

bild 4Eine antifaschistische Linke, die die prinzipielle Notwendigkeit solcher Analysen nicht anerkennen möchte, degradiert sich entweder selbst zur Apologetin des (islamistischen) Antisemitismus – wie „Young Struggle“ und Konsorten es tun – oder erleidet einen vollständigen politischen Realitätsverlust. Beide Verhaltensarten erweisen sich als symptomatisch für die Ausprägungen einer Linken, die ihr Verständnis von politischer Praxis auf das Abarbeiten an deutschen Nazis und Rassist_innen reduziert hat und nicht willens oder in der Lage ist, sich einen adäquaten Begriff des Antisemitismus zu bilden. Erfreulicherweise lässt sich allerdings auch eine gegenläufige Tendenz feststellen, dass durchaus einige Gruppen ob der aktuellen Geschehnisse die einzig richtige Konsequenz ergreifen und sich mit Israel solidarisch erklären, obwohl sie dies vorher nicht taten. In welche Richtung es die restliche Linke (was auch immer diese nominalistische Begriffsabstraktion überhaupt noch bedeuten soll) verschlägt, wird sich in der nächsten Zeit herauskristallisieren.

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