„Antifa war gestern“ – Begrüßenswertes aus Jena

Vor einigen Tagen veröffentlichte die Antifa Task Force Jena unter dem Titel „Antifa war gestern“ einen lesenswerten Text, in dem die inhaltliche Bestimmung des Begriffs „Antifa“ im Kontext der gegenwärtigen Ereignisse diskutiert wird.

In einer Auseinandersetzung mit jüngst publizierten Artikeln der in „Kritik & Praxis – Radikale Linke [F]rankfurt“ umbenannten ehemaligen „Autonomen Antifa [F]“ sowie der „Gruppe gegen Kapital und Nation“ wird deren abstrakter Antinationalismus hinsichtlich seiner indifferenten Positionierung gegenüber dem Staate Israel kritisiert. So heißt es dort u.a.:

„Der abstrakte Antinationalismus ist dabei in mehrerlei Hinsicht fatal. Er macht auch vor dem Staat Israel nicht halt. Eine klare Positionierung für das zionistische Projekt sucht man bei antinationalen Gruppen vergeblich. In ihren Bekenntnissen taucht Israel wenn überhaupt nur dann auf, wenn mal wieder gegen unreflektierte Nationalstaatsfetischisten auf den eigenen Demos gewettert wird. Die Sonderrolle der jüdischen Nation wird nicht thematisiert. Scheinbar fällt man hier in das alte linke Dilemma zurück, dass doch längst überwunden sein sollte. Die Solidarität mit Israel ist einer diffusen Akzeptanz des Existenzrechts Israels gewichen.“

In Zeiten der vielleicht schwersten antisemitischen Ausschreitungen in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 an utopischen „Alternativen zu Staat, Nation und Kapital“ zu tüfteln, statt mittels einer Kritik im Handgemenge zu intervenieren, könne demnach nur als grobe Fahrlässigkeit beschrieben werden. Somit liegt die – zugegebenermaßen etwas pointierte – Schlussfolgerung nahe:

„Antifaschistische Gruppen, die in ihrem Antinationalismus meinen, es gäbe unterschiedliche Sichtweisen auf Israel, und sich nicht entscheiden können, welche denn nun die richtige sei […], haben tatsächlich nichts mit Antifa zu tun.“

Vor der Folie der Kritik des abstrakten Antinationalismus und seiner äquidistanten Haltung im sogenannten „Nahostkonflikt“ lässt sich ex negativo eine der gegenwärtigen Verhältnisse adäquate Neujustierung der begrifflichen Bestimmung von „Antifa“ vornehmen:

„Antifa hat sich immer mit Kapitalismus und dessen Kritik beschäftigt. Antifa bedeutet aber auch zu erkennen, dass es nicht nur immer vorwärts geht. Den drohenden Rückfall hinter die Errungenschaften der Moderne zu verhindern, kann derzeit die einzige “Praxis” sein. […] Antifa heißt auch, die radikale Kritik nicht zu Gunsten einer linken Pseudopraxis aufzugeben. Antifa heißt auch, keine Zugeständnisse zu machen, an Leute die hinter die bestehenden Verhältnisse zurück wollen.“

Diesem notwendigen Statement aus Jena können wir nur vorbehaltlos zustimmen. Auch in unserer Gruppe kamen im Verlauf der letzten Wochen und Monate Diskussionen auf, inwieweit unsere Arbeit sich noch mit dem Begriff „Antifa“ fassbar machen lässt. Bei aller Differenz zur Theorie und Praxis anderer Gruppen, die sich ebenfalls mit dem Label „Antifa“ bezeichnen, sind wir dennoch zu dem vorläufigen Schluss gekommen, dass unsere Arbeit nachwievor genuine „Antifa“-Arbeit ist. Dies wirft im gleichen Atemzug die Frage auf, ob das Augenverschließen eines Großteils der sogenannten „Linken“ (als deren Bestandteil die Antifa-Bewegung gemeinhin erachtet wird) vor akuten Problemen in der Welt, sei es die Bedrohungslage Israels, der globale Vormarsch des Islamismus oder ganz aktuell der damit zusammenhängende Antisemitismus in der Bundesrepublik, noch mit antifaschistischen Selbstpositionierungen vereinbar ist, oder vielmehr zu einem realitätsverdrängenden Lippenbekenntnis gerät.

Im Stande der Unfreiheit, d.h. bis der Kommunismus als wirkliche „Bewegung, […] den jetzigen Zustand aufhebt“ (MEW Bd.3, S.35), lässt sich also als zeitgenössischer antifaschistischer Imperativ die Aufgabe formulieren, den bisher erreichten Stand der Freiheit vor dem Horizont einer befreiten Gesellschaft gegen diesem Zustand inhärente Momente der Regression, d.h. Tendenzen zur negativen Aufhebung der gegebenen Verhältnisse, zu verteidigen. Anders ausgedrückt: „Kommunistische Kritik kreidet der bürgerlichen Gesellschaft nicht an, dass sie Freiheitsrechte hervorgebracht hat, sondern weist darauf hin, dass eine Gesellschaft, die solche Rechte notwendig hat, eine gewalttätige Gesellschaft ist. […] Materialistische Kritik muss den bürgerlichen Individualismus ebenso in seiner Beschränktheit kritisieren wie ihn gegen die regressiven Angriffe des barbarischen Ressentiments verteidigen“ (Stephan Grigat).

Dass daraus keine blinde Apotheose des Bestehenden erwachsen darf, sondern dass sich diese Aufgabe als kritische Parteinahme in überwindender Absicht vollzieht, indem sie die bestimmte Negation sämtlicher gesellschaftlicher Verhältnisse anstrebt, ergibt sich von selbst. Selbstverständlich ist weiterhin, dass diese Auffassung von Antifaschismus gleichfalls eine unbedingte Solidarität mit dem Staate Israel (dessen Existenz die unmittelbare Konsequenz der spezifisch deutschen Ausprägung einer solchen Bewegung der negativen Aufhebung, nämlich der nationalsozialistischen, darstellt) einschließen muss. Solange Antisemitismus als eine der Basisideologien der bürgerlichen Gesellschaft fort west, darf Antifaschismus jedoch nicht beim Aufsagen der abstrakten Formel „Solidarität mit Israel“ verharren, die viel zu oft zu einem bloßen Lippenbekenntnis gerät, oder, schlimmer noch, auf das gönnerhaft zugesprochene „Existenzrecht Israels“ reduziert als antinationales „ja, aber…“ seinen Weg ins Vokabular der israelkritisierenden deutschen Linken findet. Vielmehr muss darüber hinausgehend eine schonungslose Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Ausprägungen des Antisemitismus in der Bundesrepublik – sei’s der deutsche, sei’s der arabisch-muslimische oder islamistische – forciert werden.

Der vollständige Text der Antifa Task Force Jena findet sich hier.

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