PEGIDA in Duisburg: Ein Kommentar

Man kann nur die Hände überm Kopf zusammenschlagen. Die Zahl an Teilnehmenden der PEGIDA-Demonstration hat sich am gestrigen Montag zwar begrüßenswerterweise halbiert, der Irrsinn eines Großteils der Gegendemonstrant_innen sich scheinbar jedoch verdoppelt.

Das bürgerliche Spektrum hatte bereits beim letzten Mal angekündigt, keine weitere Veranstaltung zu organisieren, da man „nicht über jedes Stöckchen der Rechten“ springen wolle und trat demnach erwartungsgemäß gestern nicht auf– das eigene Gewissen hatte man ohnehin bereits letzte Woche ausreichend beruhigt. Am Hauptbahnhof duellierten sich die Redner_innen auf der Kundgebung des „Duisburger Netzwerk gegen Rechts“ unterdessen mit dem PEGIDA-Mob eifrig darum, wer nun der rechtmäßige Inhaber der Parole „Wir sind das Volk“ sei. Es ist freilich bezeichnend, dass die Quintessenz der Netzwerk-Kritik an PEGIDA ausgerechnet darin besteht, darzulegen, dass die Leute auf ihrer Seite der Hamburger Gitter das „richtige Volk“ seien. Allerdings ist das auch nicht weiter verwunderlich: Im Grunde war die gestrige Kundgebung eine Neuauflage des Szenarios vom 1. Mai 2014, als das „Netzwerk gegen Rechts“ – damals gegen NPD und Pro NRW gerichtet – drohte, „Das vereinte Volk kann niemand besiegen“.

Dass beide Seiten in diesem Punkt mehr eint als trennt, scheint den Verantwortlichen des Netzwerks ebenso wenig bewusst zu sein, wie ein simpler Fakt, der sich in jedem Geschichtsbuch nachlesen lässt: Nämlich, dass „Wir sind das Volk“ nicht nur den Slogan der Montagsdemonstrationen in der damaligen DDR Ende der 1980er Jahre darstellt, sondern in erster Linie das Motto war, unter dem seit 1933 die zur Volksgemeinschaft verschmolzenen Deutschen begannen, das Ausleben ihres Wahns in Form der industriellen Massenvernichtung zu organisieren. Am Ende war „Wir sind das Volk“ der Schlachtruf, unter dem 6 Millionen Jüdinnen und Juden von den Deutschen kaltblütig ermordet wurden. Somit ist diese Parole nicht nur der Leitspruch der deutschen Barbarei gewesen, sondern in Form der sogenannten „Wiedervereinigung“ auch derjenige der restlosen Beseitigung der geopolitischen Konsequenzen, die Deutschland nach seinem militärischen Niederwurf davontrug.

Mit solch immensem Augenverschließen vor dem Gehalt der eigenen Inhalte korrespondiert, dass dem Bericht der Initiative gegen Duisburger Zustände (dem im Übrigen alles über diesen Kommentar hinausgehend Relevante über den sonstigen Ablauf des gestrigen Tages betreffend zu entnehmen ist) zufolge am offenen Mikrophon der Netzwerk-Kundgebung der Holocaust mit den Worten „ob es die Shoah gab oder nicht, ist total irrelevant“ relativiert wurde – Hinweise an die Veranstalter_innen blieben folgenlos.

An dieser Stelle schließt sich der Kreis des völkischen Selbstverständnisses des „Netzwerk gegen Rechts“ – freilich ein Selbstverständnis in einer antiimperialistisch-stalinistischen Tradition und nicht in einer postnazistischen wie das von PEGIDA. Es nimmt also wenig Wunder, dass Dissens unter den Volksfreund_innen mit unterschiedlichem Vorzeichen allenfalls in Detail- und Zahlenfragen bestehen kann, keinesfalls jedoch über den eigentlichen (nämlich völkischen) Charakter ihrer Bewegungen. Hier sind sich alle involvierten Parteien (das bürgerliche Spektrum eingeschlossen) einig: Das „Volk“ ist und bleibt ein positiver Bezugspunkt, den es gegen feindliche Vereinnahmungsversuche zu verteidigen gelte. Uneins ist man sich bloß, in welcher Form das „ deutsche Volk“ nun als Bewegung zu sich kommen soll.

Dies bestätigt unsere bereits letzte Woche artikulierte Annahme, dass mit dem „Netzwerk gegen Rechts“ schlichtweg keine Proteste gegen PEGIDA zu machen sind und auch nicht zu machen sein werden. Letztendlich bleibt nicht viel anderes, als über das gestrige Spektakel auf dem Bahnhofsvorplatz kopfschüttelnd das gleiche Urteil auszusprechen, welches Wolfgang Pohrt schon im Jahre 1987 verhängte: „Von den deutschen Linken […] kann man immer nur eines lernen: Wie man es auf keinen Fall machen soll“.

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