Redebeitrag zum Salafismus

Mit dem nachstehenden Redebeitrag beteiligten wir uns an einer spontanen Kundgebung gegen die salafistischen „Lies“-Stände in der Bochumer Innenstadt am 29.08.

„Wir stehen heute hier, um unseren Protest gegen eine der regressivsten Strömungen des Islams, den sogenannten Salafismus aufzudrücken. Dass wir – als an allgemeiner Emanzipation festhaltende Menschen – uns hier versammelt haben, hat einen sehr einfachen, aber wichtigen Grund, der in aller Deutlichkeit gesagt werden muss: Salafisten sind – wie alle anderen Islamisten auch – antiemanzipatorisch, totalitär, faschistoid und stellen eine ernstzunehmende Gefahr und Bedrohung für alle in ihren Augen Ungläubigen und selbstbestimmten Individuen dar. 

Der Kölner Prediger Ibrahim Abou-Nagie, Hauptinitiator der Lies-Stände, behauptet, durch seine Stände und Koranverteilungen würden weniger Menschen nach Syrien zum Islamischen Staat reisen. Und weiterhin, dass die Werbung für den Islam in Deutschland ein gewaltfreier Jihad wäre, um die deutsche Bevölkerung letztlich ganz ohne Zwang zur einzig wahren Religion zu bekehren. Was von solchem Geschwafel zu halten ist, wird deutlich, wenn man sich dem Salafismus ideologiekritisch nähert.

Der Begriff Salafismus (bzw. Salafiyya) hat seinen Ursprung in den „frommen Altvorderen“ (arab. Al-Salaf al-salih), den ersten drei Generationen von Muslimen nach Gründung der ersten islamischen Gemeinde im Jahre 622 in Medina. Während der klassische Salafismus eine religiöse Reformbewegung um 1900 bezeichnet, der als regressive Antwort auf den britischen und französischen Kolonialismus gesehen werden kann, geht der zeitgenössische Salafismus, mit dem wir es hier zu tun haben, unmittelbar auf den saudi-arabischen Wahhabismus zurück, der sunnitischen Reformlehre des Religionsgelehrten Muhammad ibn `Abd al-Wahhab.

Dieser Salafismus zeichnet sich aus durch eine starke Orientierung an der islamischen Urgesellschaft, welche ab 622 in der Gemeinschaft Medina lebte. Ibn `Abd al-Wahhab ging davon aus, dass der Koran und die Sunna, die Bräuche des Propheten Muhammad, authentisch und detailgetreu diese idealisierte Frühphase des Islams wiedergeben würden. Hieraus folgerte er eine fundamentalistische, d.h. wortgetreue, Auslegung der Schriften. Die im Frühislam geltenden Herrschafts-, Rechts- sowie Gesellschaftsformen werden heute wieder angestrebt.

Doch nicht nur für Muslime sollen solche reaktionären Vorstellungen des Lebens verpflichtend sein, sondern im Salafismus angelegt ist eine unbedingte weltweite Ausehnung des Islams in der Ummah, der islamischen Weltgemeinschaft, die sich an der muslimischen Gesellschaft in Medina zu orientieren hätte. Ferner wird eine Vereinheitlichung von Religion und Politik angestrebt, da auch in Medina der Prophet zugleich als religiöses sowie staatliches Oberhaupt fungierte. Die Scharia gilt als allgemeingültige, von Gott geschaffene, nicht reformierbare Rechts- und Werteordnung. Hieraus folgen eine repressive Gleichförmigkeit der Menschen und die totale Kontrolle bis in die persönlichsten Lebensbereiche. Vorschriften zu islamischer Kleiderordnung, die Übernahme alltäglicher Handlungen aus der Zeit des Propheten, strikte Geschlechtertrennung und Abgrenzung zur nicht-muslimischen Umwelt und Ungläubigen können als Stichpunkte hierzu genannt werden.

Aus dieser vollkommenen Unterwerfung des Individuums unter die ideologisch verschworene Gemeinschaft speist sich eine Ideologie der Höherwertigkeit, die andere Lebens- und Glaubensweisen stark abwertet. Hierbei insbesondere nicht-salafistisch orientierte Muslime, Christen und Juden. Letztere werden mit klassischen antisemitischen Stereotypen wie der Ritualmordlegende belegt, aber auch mit modernem antisemitischen Ressentiment, wie der Delegitimierung Israels, welches ein künstliches Gebilde, finanziert durch das Weltjudentum, sei, zur Zerstörung islamischer Heiligtümer und Zersetzung der homogenen Ummah.

Die Attraktivität einer solchen antimodernen Bewegung, die die totale Subsumierung des Individuums unter eine Gemeinschaft vollzieht, lässt sich in der Dialektik der bürgerlichen Gesellschaft selbst finden. Im Spätkapitalismus, in dem der Einzelne Herrschaftsverhältnisse nicht mehr adäquat durchschauen kann, identifiziert er die abstrakte Seite des Kapitals, die Finanzsphäre, mit dem Kapitalismus selber. In einem solch regressiven Antikapitalismus sucht das verwahrloste Subjekt einen Ausweg aus der eigenen Bedeutungslosigkeit und Unnützigkeit. Totalitäre Bewegungen wie der Salafismus bieten eine vermeintliche Aufhebung des Kapitalverhältnisses, welches als zu rationalistisch, kühl und menschenfeindlich erkannt wird, und bieten dagegen romantisierend eine scheinbar echte, natürliche und von Gott gewollte Gesellschaftskonstellation. Doch eine solche Aufhebung des Kapitalverhältnisses muss als negative bestimmt werden, da bürgerliche Freiheiten und Errungenschaften zugunsten der repressiven Egalität der Ummah einseitig aufgehoben werden.

Hiergegen müssen Kommunisten eine Kritik ins Feld führen, die die Vergesellschaftung über den Wert, die Staat, Kapital, Warentausch und repressive Gleichheit im Kern angreift, die also in anderen Worten darauf abzielt, „alle Verhältnisse umwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“.“

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