Von Vernichtungsgewinnlern und Willkommensweltmeistern

Um die zynische Doppelmoral der Deutschen in Bezug auf den Umgang mit Menschen, die vor Krieg und Elend auf der Flucht sind, zu illustrieren, genügt derzeit schon ein Blick in das offizielle Programm der diesjährigen Einheitsfeierlichkeiten. Dort heißt es: „Wir werden Brücken bauen, um damit symbolisch sowohl an die Grenzen des geteilten Deutschlands zu erinnern und um in die Zukunft für ein friedliches und demokratisches Miteinander zu schauen“. Das Fest zum 25. Jubiläum der vereinigten BRD steht unter dem von Bundesratspräsident Volker Bouffier ausgegebenen Motto „Grenzen überwinden“.

Simultan zum Errichten „symbolischer Brücken“ in Frankfurt marschieren an der deutschen-österreichischen Grenze – erstmals seit 1995 – wieder schwer bewaffnete Polizisten auf. Jener Grenzübergang wird so für unzählige Menschen auf der Flucht zu einem ganz realen Hindernis für das im Programmheft proklamierte „friedliche und demokratische Miteinander“. Im Selbstverständnis der von Vernichtungsgewinnlern zu Willkommensweltmeistern mutierten Deutschen erscheint dies allerdings nur als vordergründiger Widerspruch. Ein treffendes Bild deutscher Ideologie in der postnazistischen Bundesrepublik.

Die gastfreundliche Volksgemeinschaft

Denn die Deutschen haben mitnichten ihr Herz für Menschen in Not entdeckt. Die vorgebliche Willkommenskultur erweist sich als brüchige Fassade, mit der das neue, herzliche und weltoffene Gemeinschaftsgefühl der Deutschen zum Ausdruck gebracht werden soll. Die Aussage Max Horkheimers, dass „das Schuldbekenntnis der Deutschen nach der Niederlage des Nationalsozialismus […] ein famoses Verfahren [war], das völkische Gemeinschaftsempfinden in die Nachkriegsperiode hinüberzuretten“ (GS6: S.404) lässt sich durchaus auch auf die aktuellen Debatten übertragen. Es braucht nicht viel Kreativität um die hinter dem kollektiven Bekenntnis zur Willkommenskultur stehende Intention als dasselbe Bedürfnis nach einer moralisch bereinigten nationalen Identität wie in der Nachkriegszeit zu durchschauen – freilich in einer geringeren Intensität und vor dem Hintergrund einer völlig verschiedenen historischen Konstellation. Dennoch gelten Horkheimers Worte: „Das Wir zu bewahren war die Hauptsache“ (ebd.). Statt als das Volk der geistigen und tatsächlichen Brandstifter inszeniert man sich nun als geläuterter Flüchtlingshelfer und vermeintliches Vorbild für die internationale Staatengemeinschaft im Umgang mit flüchtenden Menschen.

Als Vorreiter schwingt sich, wie fast immer wenn es um zum „gesunden Volksempfinden“ verklärte deutsche Ideologie geht, die BILD auf. Mit ihrer Kampagne „Wir helfen“ formuliert sie nicht nur das neue Selbstverständnis der gastfreundlichen Volksgemeinschaft (Zitat: „Die überwältigende Mehrheit der Deutschen hat nichts mit dem Pöbel vor den Flüchtlingsheimen zu tun! Die Mehrheit hilft!“), sondern meißelt gleichzeitig das Epitaph auf die genuin linksradikale Parole „Refugees Welcome“, deren subversives Potential in seiner medialen Omnipräsenz endgültig der Mainstreamkompatibilität anheimgefallen zu sein scheint. Dass ausgerechnet die Zeitung, die mit rassistischer Stimmungsmache gegen vermeintliche „Wirtschaftsflüchtlinge“ aus Rumänien und Bulgarien selbst oft genug für Schlagzeilen sorgt, nun ihr Herz für syrische Geflüchtete aus den Kriegsgebieten (also die „guten Flüchtlinge“, in Abgrenzung zu den „bösen Flüchtlingen“ aus den Balkanstaaten) entdeckt zu haben glaubt, wirkt in diesem Kontext zwar mehr als heuchlerisch, spiegelt aber den zwiegespaltenen Tenor innerhalb der deutschen Bevölkerung wider. 

Zwischen Hilfsbereitschaft und Pogromstimmung

Denn das Verhältnis der Deutschen zu Geflüchteten ist geprägt von dieser grotesken Differenzierung in willkommene und nicht-willkommene Menschen. In kenntlich machender Deutlichkeit brachte diese Chuzpe der amtierende Oberbürgermeister Duisburgs, Sören Link (SPD) – ohnehin nie um einen rassistischen Ausfall verlegen – auf den Punkt, als er auf einer Tagung seiner Partei in Berlin jüngst verkündete: „Ich hätte gerne das Doppelte an Syrern, wenn ich dafür ein paar Osteuropäer abgeben könnte“. Diese sich in Links Worten artikulierende Zwiegespaltenheit findet ihre reale Umsetzung wiederum auf bundesdeutschen Straßen, wo die abseits der von Medien und Politik inszenierten Willkommenskultur tatsächlich vorhandene Spenden- und Hilfsbereitschaft eines Teils der Bevölkerung der wiedererwachten Pogromstimmung eines anderen Teils der Bevölkerung (welche sich wohlgemerkt gegen alles als nicht-deutsch identifizierte, daher nicht nur gegen die vermeintlichen „Wirtschaftsflüchtlinge“ richtet) gegenübersteht. Und die Stimmung der Straße wird in der Regierung dankbar aufgegriffen: Während die Bundes-SPD an der Außengrenze erste Warnschüsse gegen Geflüchtete abgibt, feuert SPD-Provinzbürgermeister Sören Link daheim gegen jene, die den Massenmord des Friedensnobelpreisträgers EU überlebt haben. Rassisten sind sie allesamt.

Um die deutsche Willkommenskultur ist es folglich nicht so gut bestellt, wie (auch teils in den internationalen Medien) angenommen; aller Hilfsbereitschaft zum Trotz geht es vornehmlich um die Restauration deutscher Identität. Symptomatisch dafür ist, dass wer – aus guten Gründen – nicht an dem von BILD (und anderen Massenmedien) heraufbeschworenen Kollektiv der Hilfswilligen partizipieren, sondern abseits der Selbstbeweihräucherung ob der deutschen Gutmütigkeit aktiv werden möchte (wie beispielsweise der Fußball-Zweitligist FC Sankt Pauli), sich umgehend in eine rechtspopulistische Ecke gedrängt, im Selbstverständnis des wiedergutgewordenen Deutschlands: dem Vorwurf des Volksverrats ausgesetzt sieht.

Horkheimer schlussfolgerte damals, dass wer auf dem Unterschied zwischen dem Einzelnen und dem Kollektiv beharre, sehr schnell außerhalb jenes Kollektivs stehe und nicht mehr zum „Wir“ dazu gehöre. Und tatsächlich lässt sich wahrscheinlich demjenigen, der ungeachtet nationaler Erweckungskampagnen im Rahmen seiner Möglichkeiten Hilfe leistet, ein ehrlicheres Interesse am Schicksal geflüchteter Menschen unterstellen, als demjenigen, der glaubt dass „#refugeeswelcome“ als imagefördernder Slogan dem Standort Deutschland gut zu Gesichte stände.

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