Diktatur der Befindlichkeiten

Es scheint eine dem modernen Akademismus eigentümliche Ambivalenz zu sein, dass das vorherrschende Bildungsideal vom zwangslosen Zwang des besseren Arguments – einst etabliert als Instrument eines auf Wahrheit abzielenden Meinungsaustausches – eine in hohem Maße kritik- und diskussionsunfähige Masse halbgebildeter Maschinenanhängsel produziert. Die nicht mehr auf Wahrheit, sondern auf Verwertbarkeit abzielende universitäre Zurichtung hat zur Konsequenz, dass das ursprüngliche Programm „von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen“ (Horkheimer/Adorno) sukzessive ersetzt wurde durch eine bürokratisierende Theorienverwaltung, der es nur noch darum geht, einmal Gehörtes in Klausuren und Prüfungen zwar repetieren, aber keinesfalls einordnen, gar bewerten oder kritisieren zu können: Die Universität als Heimstätte der Bildung verfällt in ihrer ökonomisch durchrationalisierten Form zur Halbbildungsfabrik. Indem der Anspruch auf Aufklärung und Vernunft dem auf Positivismus und Konformität weicht, wird der Weg bereitet für einen akademischen Relativismus, der umstands- und unterschiedslos anzuerkennen gewillt ist, was gewissen wissenschaftlichen Standardisierungen entspricht – wobei aber ein normatives Werturteil oder gar eine Reflexion auf eine gesellschaftliche Metaebene unbedingt vermieden wird. Durch die im Positivismus wie Relativismus angelegte Tendenz zur Hypostasierung gesellschaftlicher Verhältnisse wird Gesellschaftstheorie nicht als „einzig entfaltetes Existenzialurteil“ (Horkheimer) betrieben, sondern dient lediglich Partikularinteressen und wird somit schlechterdings vorkritisch. Letztendlich schlägt das Leitmotiv der freien, undogmatischen Lehre und Forschung in die Borniertheit der Studierendenschaft um, dass i) jeder noch so absurde Firlefanz eine Daseinsberechtigung im universitären Rahmen besitzen müsse und ii) alle Absurditäten noch gleichberechtigt nebeneinander, niemals gegenseitig ausschließend und schlimmstenfalls positiv aufeinander beziehend, existieren müssen – die im eigentlichen Prinzip des modernen Akademismus von vornherein angelegte relativistische Tendenz kommt endgültig zu sich selbst.

Indikator einer solchen Tendenz ist nicht der zweifelsfrei zu begrüßende Umstand, dass Universitätsleitungen so manche Überbleibsel sakraler Symbolik vom Campus verbannen (wie jüngst an der Universität Duisburg-Essen geschehen) und damit die tradierte Deutungshoheit der Kirchen über Wirklichkeit und Wahrheit zugunsten einer konfessionsungebundenen Auseinandersetzung zurückdrängen, sondern vielmehr das Gegenteil: Die mit einem solchen Suspendieren der Repräsentanz von Religion an Hochschulen regelmäßig einhergehenden Protestwellen seitens einer (links-)liberalen Studierendenschaft. Anscheinend ist es für jene ein unerträglicher Missstand, dass an öffentlichen Einrichtungen des Landes, wie sie Hochschulen darstellen, die qua fortschreitender Säkularisierung weitgehend ins Reich des Privaten verbannte Religiosität auch eben genau dies sein sollte: Eine Privatsache der einzelnen Studierenden, welche die Universität nicht betrifft. [1] Eine an allgemein aufklärerischer Vernunft orientierte Position kann es in diesem Zusammenhang daher nicht sein, die gleichen Sonderrechte für alle Glaubensgemeinschaften zu fordern, sondern ebenjene Sonderrechte (welche in Deutschland ausschließlich für die beiden christlichen Kirchen existieren) konsequent abzuschaffen. Dem entgegen steht allerdings ein linksakademisches Milieu, welches sich vom Diktum, dass „die Kritik der Religion […] die Voraussetzung aller Kritik“ ist (Marx) längst zugunsten eines staatstragenden Bekenntnisses zum „Recht auf freie Religionsausübung“ (Grundgesetz, Art. 4) verabschiedet hat, was wiederum als Vorwand herhält, jede Kritik am erklärten Schutzobjekt Islam prinzipiell abzuwehren. [2] Aus einem missverstandenen Emanzipationsgedanken und bewaffnet mit dem Begriffsinstrumentarium postmoderner Beliebigkeit geht es jenen Kräften nicht mehr um die Emanzipation des einzelnen Individuums aus dem Zwangskorsett von Kultur und Religion, sondern nur noch um die Sichtbarmachung jeder noch so geringen Differenz, die umstandslos zur unveräußerlichen Charaktereigenschaft wie auch zum schützenswerten Kulturgut erhoben wird. Proklamierte der Universitätsprofessor Adorno damals, dass „die Menschen […] immer noch besser als ihre Kultur“ sind, so wird diese Aussage auf dem zeitgenössischen Campus in ihr Gegenteil verkehrt.
 
#Gebetsraumgate
 
Exemplarisch für diese Entwicklung steht ein Vorfall, der sich vor kurzem an der Universität Duisburg-Essen ereignete. Am Anfang steht die für sich genommen recht unspektakuläre Begebenheit, dass die Hochschulleitung den muslimischen Gebetsraum am Essener Campus schließen lässt, vorgeblich aufgrund ausreichender Gebetsmöglichkeiten für muslimische Studierende im Umfeld des Universitätsgeländes. Unbestätigten Angaben der WAZ zufolge, sollen während des Freitagsgebetes nicht-muslimische Studierende regelmäßig von muslimischen Studierenden an der Nutzung von Aufzügen sowie Toiletten in der unmittelbaren Umgebung des Gebetsraums gehindert worden sein, selbst liberale Muslime sollen sich durch das Verhalten einiger fundamentalistischer Studierender eingeschüchtert fühlen. Der Wahrheitsgehalt dieser Gerüchte lässt sich nicht abschließend klären, allem Anschein nach wird er sich jedoch nicht bestätigen. Die Universitätsleitung dementiert in einer Pressemitteilung jedenfalls jeglichen Zusammenhang zwischen den Vorwürfen und der Schließung: „Mit etwaigen Gerüchten oder Beschwerden über die bisherigen Nutzer/innen hat die geplante Schließung nichts zu tun.“ Vielmehr sei die Schließung auf Sanierungsmaßnahmen zurückzuführen, anstelle des Gebetsraums soll während der Umbauarbeiten nun ein überkonfessioneller „Raum der Stille“ eingerichtet werden – ein Konzept, welches wohlgemerkt an der TU Dortmund unlängst schlagzeilenträchtig gescheitert ist.
 
Noch am Erscheinungstag des WAZ-Artikels veröffentlichte der AStA der Universität Duisburg-Essen eine Pressemitteilung, in der „bürgerliche Ressentiments und rassistische Vorurteile gegenüber der muslimischen Studierendenschaft“ moniert werden. Die WAZ würde ein „Bedrohungsszenario“ beschwören und zugleich eine „Homogenisierung“ der muslimischen Studierendenschaft betreiben. Was sich in dieser Pressemitteilung zuvorderst Bahn bricht, ist ein von projektiven Bedürfnissen geleiteter vorauseilender Gehorsam, der darauf abzielt, die angebrachten Vorwürfe gegen Nutzer des Gebetsraums (und es sollte sich von selbst verstehen, dass diese nicht repräsentativ für sämtliche Studierende muslimischen Glaubens stehen) qua Rassismusvorwurf a priori zu eskamotieren. Dieser vorauseilende Gehorsam ist geprägt von einem antirassistischen Wunschdenken, dessen Leitmotiv, „es kann nicht sein, was nicht sein darf“, dazu führt, dass notfalls auch kontrafaktisch Ressentiments attestiert werden, um eine Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Gegenstand von vornherein zu vermeiden. Denn die WAZ betreibt mitnichten irgendeine „Homogenisierung“ von Muslimen, vielmehr wird in dem Artikel sehr deutlich umrissen, welche konkrete Gruppe gemeint ist: Fundamentalistische Studierende aus dem Umfeld des Gebetsraumes. Dass dies keinesfalls die Gesamtheit der muslimischen Studierendenschaft meint, wird deutlich, wenn es heißt, dass „gemäßigte muslimische Studierende […] bereits über ein Klima der Einschüchterung durch Fundamentalisten (klagen), die sich anmaßten darüber zu bestimmen, was muslimisch korrekt sei“. Die Pointe der ganzen Geschichte ist folgende: Der AStA berichtet, er selbst habe keine Beschwerden bezüglich der artikulierten Vorwürfe erhalten, könne diese also nicht bestätigen. Allerdings kann er sie genau so wenig als unbegründet zurückweisen, da ihm offenkundig keine Kenntnisse über die konkreten Begebenheiten vorliegen (wenn ihm auch zugute zu halten ist, dass er sich im Nachhinein bemühte, die Faktenlage zu klären). Als zusätzliches Sedativum wird abschließend proklamiert, dass selbst wenn sich Teile der Vorwürfe bewahrheiten sollten, diese als die Taten Einzelner nicht auf die muslimische Studierendenschaft in toto zurückzuführen seien. Dies zu konstatieren ist inhaltlich zweifelsfrei korrekt, erinnert in seinem kontextgebundenen moralischen Unterton jedoch auf fatale Weise an das berüchtigte Credo, nichts habe auch nur irgendetwas mit dem Islam zu tun, am allerwenigsten das Verhalten von Muslimen.
 
Der „Islamische Studierendenbund Essen“ (ISB), seit rund 30 Jahren für die Verwaltung des Gebetsraums zuständig, begrüßt natürlich seine durch den AStA erteilte Generalabsolution. Dabei wäre bei einigen Umtrieben sowohl des ISB wie auch im Gebetsraum durchaus Skepsis angebracht. Zum einen herrscht im Gebetsraum eine rigide Geschlechtertrennung: Es existieren getrennte Eingänge und Waschmöglichkeiten, der Raum selbst wird durch einen Vorhang in zwei Bereiche – je einen für Männer und Frauen – geteilt und das Freitagsgebet steht nur männlichen Muslimen offen. Frauen werden bei der Nutzung des Gebetsraumes also, wie für die konservative islamische Unterwerfungsliturgie üblich, systematisch benachteiligt. [3] Zum anderen wurde schon 2007 offen über eine Schließung des Gebetsraumes diskutiert, da bekannt wurde, dass dort bereits mehrfach Hassprediger auftraten, was letztlich zumindest eine explizite Duldung radikalislamischer Positionen seitens des ISB als Verantwortlichem suggeriert. [4] Doch auch einzelne Mitglieder des ISB sind bereits auffällig geworden: Die Studierendenzeitung ak[due]ll berichtete jüngst, dass ihr im Nachgang der Wahlen zum autonomen Internationalen Referat Screenshots eines Facebook-Profils zugespielt wurden, welches antisemitische und verschwörungstheoretische Beiträge enthielt. Aus den uns ebenfalls vorliegenden Screenshots geht unabweislich hervor, dass es sich dabei um das Profil einer Kandidatin des ISB handelt, welche ein Mandat im Internationalen Referat erhalten hat. Die Umtriebe des ISB scheinen demnach alles andere als unproblematisch zu sein – auch wenn mit einer rührenden Homestory in der letzten Ausgabe der ak[due]ll ein gegenteiliges Bild erzeugt werden soll.
 
Bildersturm und Rassismusvorwürfe
 
Was neben einer brodelnden Gerüchteküche von der ganzen Sache bleibt, ist vor allem ein fader Nachgeschmack. Denn es ist keineswegs das erste Mal, dass die Universität Duisburg-Essen mit vergleichbaren Vorfällen für Aufsehen sorgt und es ist ebenso wenig das erste Mal, dass wichtige hochschulpolitische Akteure ein reflexhaft-protektionistisches Verhaltensmuster an den Tag legen. Überregionale Bekanntheit erlangte ein Zwischenfall im Juni 2013: Eine studentische Ausstellung auf dem Essener Campus musste geschlossen werden, nachdem eine muslimische Doktorandin zuerst eines der präsentierten Plakate abhängte und kurz darauf ein weiteres zerschnitt. Zuvor beklagte sie, dass sie sich durch das erste Plakat (eine visuelle Darstellung des Wortes „Allah“ neben einer Sex-Szene, entnommen aus Craig Thompsons graphic novel „Habibi“) in ihren religiösen Gefühlen verletzt sähe. Das zerschnittene Plakat zeigte einen Comic, welcher sich mit der alltäglichen Bedrohungssituation der israelischen Bevölkerung durch palästinensische Suicide Bombings beschäftigt, was eine antisemitische Tatmotivation der Studentin zumindest nahelegt. 
 
Anstatt nun eine Debatte über muslimisches und auch mutmaßlich antisemitisches Eifertum zu führen, wollte die Studierendenzeitung der Universität Duisburg-Essen, ak[due]ll, hingegen lieber Rassismus diskutiert wissen. Der Skandal läge nicht darin, dass eine muslimische Studierende in einer Form infantiler Regression eine blasphemische Darstellung ihrer sakrosankten Gottheit als persönlichen Angriff auf ihre muslimische Integrität interpretiert und versucht, dieser Kränkung mit dem archaischen Mittel der Gewalt beizukommen; der eigentliche Skandal sei, dass die Seminarsteilnehmer sich im Vorfeld nicht ausreichend Gedanken gemacht hätten, ob ihre ausgestellten Arbeiten möglicherweise religiöse Befindlichkeiten verletzen könnten und dass daraufhin eine rassistische und antimuslimische Debatte losbrach, die sich bis in die bundesweiten Medien erstreckte. Verschiedene Akteure aus Hochschulpolitik und Studierendenschaft übernahmen dieses Narrativ und erklärten es zum zentralen Diskussionsgegenstand in der Debatte. Zum Zwecke der wissenschaftlichen Fundierung wurde seitens des damaligen AStA sogar eigens eine diskursanalytische Studie beim „Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung“ in Auftrag gegeben, um die (in der Tat oftmals rassistische) Berichterstattung aufzuarbeiten. Entsprechend einseitig fällt daher das Ergebnis dieser Studie aus: Antimuslimischem Rassismus in der medialen Berichterstattung sei entgegenzuwirken, zum ursprünglichen Vorfall hingegen wird kein kritisches Wort verloren, im Gegenteil scheint für das Verhalten der Doktorandin immer wieder unterschwelliges Verständnis durch. Folgerichtig werden abschließend auch einzig Vorschläge präsentiert, rassistisch aufgeladenen Debatten zu begegnen, keinesfalls jedoch Präventivmaßnahmen gegen Vorfälle mit islamisch-fundamentalistischer Tatmotivation.
 
Einen weiteren Fall mit Brisanz stellt die kurzlebige Hochschulliste „United Students – Internationale und soziale Liste für Hochschulpolitik“ dar. Erstmals angetreten bei den Wahlen zum Studierendenparlament im Sommer 2015, wurde sie mit 34,24% (was 13 Sitzen im StuPa entspricht) auf Anhieb stärkste Liste. Hinter dem Wahlprogramm, welches sich vornehmlich an Studierende mit Migrationshintergrund, aus dem Ausland oder aus „Arbeiterfamilien“ richtete und mit durchaus massentauglichen – will heißen: populistischen –  Forderungen aufwartete, verbarg sich jedoch ein in Teilen alles andere als unbedenklicher Personenkreis. Die „United Students“ rekrutierten sich nämlich nicht nur aus politisch undogmatischen Studierenden, deren Interesse es in erster Linie war, die Situation für internationale und prekarisierte Kommilitonen zu verbessern, sondern auch aus bekannten Personen der stalinistischen Szene Duisburgs, namentlich der mittlerweile aufgelösten Schlägerbande „Rote Antifa“ – ihres Zeichens bekannt für sexistische und antisemitische Ausbrüche. Dies führte unter anderem dazu, dass sich keine der übrigen Hochschullisten bereit erklären wollte, mit den „United Students“ zu koalieren. [5] Als es im November des gleichen Jahres aufgrund von Verfahrensfehlern beim letzten Urnengang zu Neuwahlen kommen sollte, traten die „United Students“ überraschend nicht mehr an. Stattdessen veröffentlichten sie ein rührseliges Statement, in dem sie exaltiert erklärten, einer perfiden Verleumdungskampagne sowie einer „Welle der Denunziationen“ ausgesetzt zu sein. Es habe einen „geschlossenen Widerstand aller anderen Hochschullisten“ gegenüber der „einzigen migrantisch-geprägten Hochschulliste“ gegeben – das Resultat eines in der hochschulpolitischen Landschaft der Universität Duisburg-Essen angeblich vorhandenen strukturellen Rassismus.
 
Mit einiger Verve und enormer Tatsachenverdrehung stilisierten sich die „United Students“ somit zum eigentlichen Opfer. In der Tat zeitigte diese Chuzpe einigen Erfolg: Ihre Entscheidung, keine Koalition mit den „United Students“ einzugehen bekräftigten zwar beide explizit adressierten Listen – die „Linke Liste“ und die „Grüne Hochschulgruppe“ – nachvollziehbarerweise. Die „Linke Liste“ kritisierte ihrerseits, dass einzelne Listenmitglieder von den „United Students“ persönlich unter Druck gesetzt und damit die gesamte Liste in moralische Geiselhaft genommen wurde. Im gleichen Atemzug jedoch entschuldigten sie sich für das eigene vermeintliche Fehlverhalten, welches von den Mitgliedern der „United Students“ als latent rassistisch aufgefasst wurde. Diese Entschuldigung mag taktischem Kalkül oder auch politischer Unbedarftheit zuzuschreiben sein, in jedem Fall produziert sie einen bedenklichen und in seiner Konsequenz verheerenden Effekt. Denn weder das Agieren der „Linken Liste“ noch das der „Grünen Hochschulgruppe“ war in irgendeiner Weise rassistisch, vielmehr basierte es auf dem rationalen Entschluss, dass unter den gegebenen Konditionen eine Koalition aus den verschiedensten Gründen weder realisierbar noch wünschenswert sei. Anstatt also der Aufwertung des präsentierten Opferhabitus Vorschub zu leisten, indem man die artikulierten Vorwürfe überhaupt als in der Sache diskutabel aufnimmt, hätten jene Vorwürfe als das desavouiert werden müssen, was sie in diesem Falle darstellten: Eine Instrumentalisierung des Rassismusvorwurfes zum Zwecke der moralischen Denunziation politischer Gegner. 
 
„Es geht darum, hier ein Zuhause zu schaffen!“
 
Doch solche Zwischenfälle sind wahrlich kein Alleinstellungsmerkmal der Universität Duisburg-Essen, tatsächlich sind sie in ihrer Tendenz verallgemeinerbar: In Bielefeld wurde feministische Kritik an einem islamischen „Ehevorbereitungsseminar“ von der veranstaltenden muslimischen Hochschulgruppe DIWAN als „respektlose(r) und beleidigende(r) Akt einer islamfeindlichen Gruppierung“ diffamiert, am Londoner Goldsmith’s College wurde der Vorschlag einer Gedenkveranstaltung für die Opfer der Shoa und des Völkermordes an den Armeniern als „eurozentristisch“ und Kritik am IS-Terror als „islamophob“ gebrandmarkt und in den USA gehen linke Studierende wegen sogenannter „Mikroaggressionen“ durch „kulturelle Aneignung“ (bspw. die Wahl eines vermeintlich unsensiblen Kostüms zu Halloween oder auch kulturell nicht authentisches Kantinenessen) massenhaft auf die Barrikaden. Der Fall der schwarzen US-Professorin Joy Karega, die es als rassistisch empfindet, von ihren Studierenden als die Antisemitin bezeichnet zu werden, die sie ist, bildet dabei nur die Spitze eines internationalen Eisberges an Absurditäten. Doch eines ist diesen recht willkürlich gewählten Beispielen gemein, nämlich dass sie Sabotage am Gedanken einer an allgemeiner Menschlichkeit orientierten Vernunft betreiben. 
 
Es scheint, als zerfiele analog zu den bereits eingangs beschriebenen Tendenzen des modernen Akademismus das Campusleben in studentisches Bandenwesen, in dem einzig das Recht des (moralisch) Überlegenen gilt: Es entwickelt sich eine Diktatur der Befindlichkeiten, welche in eine Kultur der Kränkung eingebettet ist. Dort verharren die zumeist linken, antirassistischen und/oder muslimischen Aktivisten in der permanenten Erwartungshaltung, abermals durch „Mikroaggressionen“ gekränkt und verletzt zu werden um anschließend aus dem Exponieren des beanspruchten Opferstatus gleichwohl einen moralischen wie politischen Mehrwert zu ziehen. Dieser Mehrwert besteht in der Beschneidung des freien Meinungsaustausches, welcher mit dem empfundenen Schutzbedürfnis der eigenen Identität vor Verletzungen und Kränkungen legitimiert und anschließend als Umsetzung des Konzeptes eines sogenannten „safe space“ – also eines Schutz- und Rückzugsraumes [6] – ausgegeben wird. Die ausschlaggebenden Befindlichkeiten entziehen sich dabei der objektiven Ratio und verbleiben nolens volens auf der Ebene des einzelnen Subjekts, weswegen dem ganzen Konzept ein enormes Moment an Beliebigkeit und Willkür inhärent ist. Das Falsche, welches „einmal bestimmt erkannt und präzisiert, bereits Index des Richtigen, Besseren ist“ (Adorno), bestimmt sich nicht mehr über den universalen Maßstab der schlechten Einrichtung gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern einzig noch über das Partikulare: Das subjektive Empfinden des sich betroffen Fühlenden. Als intime Regung des Einzelnen ist dieses Empfinden der Allgemeinheit unzugänglich und deswegen in der Sache nicht als Politikum verhandelbar ohne in Willkür und ideologischen Artenschutz abzugleiten. 
 
Der Rassismusvorwurf verkommt hierbei zu einer machtpolitischen Waffe in der postmodernen Betroffenheitslitanei. Müßig zu erwähnen, dass diese zweckentfremdende Instrumentalisierung einer Relativierung und Bagatellisierung des real (auch an Universitäten) existenten Rassismus Vorschub leistet. Doch weder den Bielefelder Heiratsberatern, noch den Londoner Gedenkverweigerern oder den amerikanischen Kostümkritikern geht es eigentlich um gesellschaftlich relevante hate crimes (wie brennende Flüchtlingsunterkünfte und durch weiße Polizisten erschossene schwarze Jugendliche) oder gar die Perspektive auf die versöhnte Allgemeinheit einer freien Assoziation freier Individuen. Im Gegenteil sind derartige Ideen den Aktivisten ein Graus, denn ihnen geht es einzig um die Wohlfühlatmosphäre ihres universitären Mikrokosmos, den sie sich nach ihrem Verständnis harmonisch einzurichten gedenken. Dass diese Harmonie mit einem völligen Verzicht auf Diskussion und Wahrheitsfindung einhergeht, schlechterdings also repressive Harmonie durch allseitiges Anerkennen verkörpert, die auf ein umfassendes Kritik- und letztendlich auch Denkverbot hinausläuft, enttarnt dieses Vorhaben als zutiefst antiemanzipatorisches. So formulierte dann auch eine amerikanische Studentin ihre programmatische Absicht, welche allerdings unwillentlich eher als eine Drohung daherkam: „Es geht nicht um die Schaffung eines intellektuellen Raumes! […] Es geht darum, hier ein Zuhause zu schaffen!“
 

 [1] Was selbstverständlich die Diskriminierung von Studierenden auf Grundlage von Religionszugehörigkeit ausschließen muss.
 [2] Weniger deutlich als im Grundgesetz, in dem es lapidar heißt „Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet“ (Art.4, Abs.2), war dies noch in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte aus dem Jahre 1789. Wenige Wochen nach dem Sturm auf die Bastille legte die franzözische Nationalversammlung in Art. 10 fest: „Niemand soll wegen seiner Meinungen, selbst religiöser Art, beunruhigt  werden, solange ihre Äußerung nicht die durch das Gesetz festgelegte öffentliche Ordnung stört“. Wenn auch Religiosität als Bürgerrecht des Einzelnen zwar prinzipiell zu verteidigen ist (obwohl derartigen Bekenntnissen auch immer die zumeist unwillentliche Tendenz zum Umschlag des Rechts auf private Religionsausübung in die Immunisierung religiöser Gruppen vor jeglicher Kritik was wiederum einer Einschränkung des Rechts auf freie Meinungsäußerung gleichkommt immanent sein mag), gibt es hier zumindest noch die Einschränkung der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, die an die religiöse Meinungsäußerung gekoppelt ist. 
 [3] Das (hier auch von Muslimas) vorgebrachte Argument lautet stets, dass eine solche Geschlechtertrennung die betenden Frauen vor den Blicken der Männer schützen soll. Wenn allerdings der Anblick betender Muslimas von ihren männlichen Glaubensbrüdern als dermaßen lasziv wahrgenommen wird, dass ihre Blicke die Frauen regelrecht in Angst versetzen können, so sagt dies eine Menge über den Zustand der repressiven Sexualmoral im Islam aus.
 [4] Schützenhilfe erhält der  ISB an dieser Stelle im Übrigen von den zwielichtigen Stalinisten des  „Duisburger Netzwerks gegen Rechts“, welche in ihrem Elaborat die Schließung des Gebetsraums als konspirativen antiislamischen Kulturkampf von Universitätsleitung und AStA verstanden  wissen wollen. Über dieses obstruse Verschwörungsdenken hinaus befürworten sie gleichzeitig die Geschlechtertrennung in islamischen Gebetshäusern dezidiert. Die in Fußnote 3 angeführte repressive Sexualmoral ist ihnen kein Gegenstand der Kritik, sondern vielmehr einer der Affirmation.
 [5] Die „Linke Liste“ schreibt dazu, „dass ein zusätzlicher Grund für die Beendigung der Verhandlungen, die ‚teils untragbaren politischen Ansichten von Mitgliedern der United  Students, die aus unserem Selbstverständnis heraus nicht hinnehmbar sind‘. Dabei handelte es sich beispielsweise um einen Parlamentarier der United Students, der auf Facebook öffentlich den Holocaust verherrlicht  und explizit extrem antisemtische Äußerung getätigt hat. Hier berufen wir uns auf konkrete Bildbeweise, die uns vorliegen“. Die uns ebenfalls vorliegenden Bilder belegen weiterhin, dass es sich dabei nicht um einen der beiden Stalinisten, sondern um einen weiteren Parlamentarier der „United Students“ handelte, die Liste also offenbar über die aus Duisburger Politkontexten bekannten Personen hinaus ein Antisemitismus-Problem aufwies.
 [6] Als Randnotiz sei hinzugefügt, dass solche „safe spaces“ keineswegs automatisch Sicherheit und Schutz für alle marginalisierten Gruppen garantieren. So dokumentiert beispielsweise ein aktueller Bericht aus den USA mehrere antisemitische Vorfälle an amerikanischen Universitäten, welche dezidiert von „safe space“-Aktivisten und ihrem Umfeld ausgingen. Juden sind offenbar nicht selbstverständlich im Konzept des „safe space“ eingeschlossen.
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