Alles beim Alten

13442388_878266278985389_4048937070670298555_nEin islamistisch motivierter Todesschütze richtet in Orlandos bekanntestem Nachtclub für Homo- und Transsexuelle 49 Menschen hin und verletzt 53 weitere. In den USA ist das kollektive Entsetzen über das verheerendste Massaker eines Einzeltäters in der Geschichte des Landes vorherrschend. Derweil echauffieren sich deutsche Leitmedien in gewohnter Weise über zu lasche Waffengesetze und die unter der Bevölkerung der USA virulente Homophobie als die beiden Faktoren, auf welche der Angriff wesentlich zurückzuführen sei. Der islamistische Hintergrund des 29jährigen Todesschützen Omar Mateen wird zwar zumeist genannt, als ursächliche Tatmotivation wird er allerdings kaum wahrgenommen.

Ein besonders dreistes Paradebeispiel für derartige Verklärungsversuche findet sich bei der taz unter der vielsagenden Überschrift „Wie der Hass in Amerika tötet“. Nicht nur, dass dieser jüngste Akt islamistischen Terrors als „ein weiterer Fall von Hasskriminalität“ anstandslos in eine breite Aufzählung vergangener Mass Shootings eingeordnet und somit der politischen Dimension als seinem Alleinstellungsmerkmal beraubt wird (denn allen Vulgärpathologisierungen zum Trotz handelte es sich beim Täter nicht bloß um einen amoklaufenden Einzelgänger, sondern zuvorderst um einen sich selbst als politischen Akteur verstehenden Angreifer, der seine Gewalttat in einen größeren politischen Kontext eingebettet wissen wollte). Der Autorin Barbara Junge, ihres Zeichens stellvertretende Chefredakteurin der taz, gelingt es überdies sogar, kein einziges Mal die soziale Verortung der keinesfalls zufällig gewählten Opfer – Homo- und Transsexuelle – zu nennen, dafür als die eigentliche Ursache der Tat „das gesellschaftliche Problem des freien Waffenbesitzes“ und nicht etwa den ideologischen Wahn des politischen Islam zu identifizieren.
 
In eine ähnliche und doch gänzlich verschiedene Richtung zielt ein Artikel aus der „Süddeutschen Zeitung“ von Thorsten Denkler. Zwar konstatiert der Autor korrekterweise: „Homophobie ist Alltag. Verbale und körperliche Gewalt gegen LGBT ist Alltag“ und es sei auch völlig unbestritten, dass Homo- und Transsexuelle in den westlichen Industrienationen unter mannigfaltiger Diskriminierung zu leiden haben. Es besteht allerdings ein wesentlicher Unterschied zwischen Gesellschaften, in denen Homo- und Transsexuelle trotz formalrechtlicher Gleichstellung (wenn auch mit Abstrichen, bspw. bezüglich Adoptions- oder Heiratsrechten) gesellschaftlich diskriminiert werden und Gesellschaften, in denen gerade wegen der gegenwärtigen Rechtslage Menschen aufgrund von Sexualität und/oder Geschlecht verfolgt und schlimmstenfalls zum Tode verurteilt werden (was wiederum für einen Großteil der islamischen Gesellschaften im arabischen und nordafrikanischen Raum gilt, deren Sozialisierungskontext im Übrigen auch der Attentäter entstammte). Diesen Unterschied verwischt Denkler indem er kontrafaktisch darauf insistiert, dass zwischen den verschiedenen Ausformungen von Homophobie in ihrem je spezifischen gesellschaftlichen Kontext keine qualitative Differenz bestehen würde.
 
In dieser Hinsicht ist Denklers Conclusio, dass der Attentäter keineswegs die offene Gesellschaft als Ganze, sondern vielmehr ausschließlich eine ihrer Teilgruppen, auf welche sich sein gesamter Hass kaprizierte, angreifen wollte, schlicht falsch. Denn in ihrer rigiden und auf aggressive Entsublimierung schielenden Sexualmoral gilt den Islamisten Homo- und Transsexualität als innerstes Prinzip der moralischen Verderbtheit des Westens. Deviante Sexualformen und –praktiken gelten der islamischen Sexualmoral als Inkarnation des ultimativ Bösen, welches wiederum zuvorderst in den westlichen Industrienationen – allen voran den USA – verortet wird. Insofern erübrigt sich die vielfach formulierte Frage, ob der Täter aus islamistischen oder homophoben Motiven handelte: Weil er Islamist war, war er auch homophob und weil er Islamist war, galt sein Angriff der bürgerlichen Moderne als deren Inbegriff er in einer wahnhaften Projektionsleistung Homo- und Transsexuelle als Personifizierungen des vermeintlichen moralischen Irrwegs des Westens ausmachte.
 
Kurz gesagt: Die Ursache für das jüngste Massaker liegt weder im Recht auf privaten Waffenbesitz noch in einem gesamtgesellschaftlichen Klima der Homophobie begründet. Beides mögen Faktoren sein, welche die Ausführung solcher Taten erheblich begünstigen, eine erschöpfende Erklärung für das Motiv des Täters liefern sie jedoch nicht (zumal er als Sicherheitsbediensteter ohnehin legalen Zugang zu Schusswaffen besaß). Dieses ist einzig in seiner islamistischen Radikalisierung zu suchen. Vordergründig handelte es sich bei Omar Mateen zwar um einen autonom handelnden Einzeltäter, jedoch besteht genau darin die neuste Taktik des Djihadismus: Unabhängig von größeren Zusammenhängen agierende „Lone Wolfs“, die mit minimalem Aufwand größtmöglichen Schaden anrichten und dabei in ihren Planungen kaum von den Geheimdiensten im Vorfeld erfasst werden können. Durch das Bekenntnis zu einer der größeren Terrororganisationen, vorzugsweise dem IS, wird anschließend die Einzeltäterschaft dahingehend aufgehoben, dass die eigene und autonom durchgeführte Tat als Beitrag zum weltweiten Djihad erklärt wird. „(D)as Versprechen lautet: Durch die Tat wird die Vereinzelung überwunden und man geht als Märtyrer im Kollektiv auf“, wie Thomas von der Osten-Sacken folgerichtig feststellte. Hier liegt gleichzeitig die gegenwärtig größte Gefahr, denn in ihrer Unberechenbarkeit sind derlei Terrorakte kaum vorhersehbar und daher potentiell überall möglich.
 
Im Gedenken an die Toten des Pulse und aller weiteren Opfer des islamistischen Terrors!
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